Bis dass unser Idealismus uns scheidet

Heirat

Das Thema Heirat scheidet die Geister und entzweit die Gesellschaft. Etwa die Hälfte der lebenslangen Liebesbekundungen entpuppen sich heute als leere Versprechen. Doch die Hochzeit ist wieder modern. Sie erhitzt die jungen, heiratsfähigen Gemüter einer Generation, deren Zukunft sich in Idealvorstellungen verliert. Ist der Wunsch nach Heirat heute noch vom Geschlecht abhängig? Und wieso scheitern heute die Hälfte aller Ehen?

Die Symbolkraft der Liebe betört Männer und Frauen zugleich

Die wichtigsten Gründe für das Versprechen auf Lebenszeit sind für Männer und Frauen heute nahezu dieselben. Man möchte die Echtheit der Liebe zueinander betonen und offizielle Zweifel ausräumen, dass man der Zweisamkeit eine Chance für die Ewigkeit gibt. Die Faszination ewiger Liebe vereint beide Geschlechter. Begriffe wie Tradition oder der gute Ton spielen dabei heute selten eine Rolle. Die Herangehensweise an die Ehe ist bei Mann und Frau jedoch etwas verschieden. Während Männer angeben, erst heiraten zu wollen, sobald sie das absolut sichere Gefühl haben, die Richtige zu lieben, schimmert bei den Damen der Schöpfung in Umfragen das Grundbedürfnis durch, einmal im Leben eine Braut zu sein um jeden Preis. Und dabei, das geben natürlich die wenigsten Frauen freiwillig zu (wahrscheinlich nicht einmal vor sich selbst), geht es weniger um die perfekte Person als um den perfekten Moment. 

Jede zweite Ehe erschöpft sich

Der Pathos moderner Liebender spielt dem Eherecht in die Hände. Eine Freundin, die Jura studiert, erzählte mir kürzlich, dass sie mit dem Gedanken spiele sich auf Eherecht zu spezialisieren, da dieser juristische Zweig heute äußerst lukrativ sei. Die vermeintliche lebenslange Bindung ist heute ein gefundenes Fressen für jedes juristische Schlitzohr, das die Statistik kennt und das Thema Moral ein bisschen weniger eng sieht, als die jungen, heiratswütigen Idealisten. Etwa jedes zweite verheiratete Paar muss heute das gemeinsame Versprechen brechen, seinen Glauben an die ewige Liebe auf Eis legen. Weil es eben „nur noch“ der Glaube an ein ewig perfektes Duett ist, was der Ehe als Fundament dient. In den seltensten Fällen geht es bei Eheschließungen in Deutschland heute noch um ein Gelöbnis vor Gott oder gar materielle Absicherung. Was am Ende einer jeden gescheiterten Heirat übrig bleibt, sind dann zwei enttäuschte Idealisten sowie ein Zahlensalat, den man mit Hilfe eines Juristen nach Recht und Gerechtigkeit mühsam aufdröseln muss. Die Liebe als Hauptgrund für die Eheschließung scheint vernünftig. Ist das jedoch Realität?

Die Liebe kennt heute kaum noch Kompromisse

Die Kompromisslosigkeit unserer jungen Generation bricht der Ehe die Beine. Aus Liebe zu heiraten ist auch für mich der einzig richtige Grund , ein lebenslanges Versprechen abzugeben. Die Haltung zur Ehe ist jedoch von ähnlich idealistischen Vorstellungen geprägt wie das Finden des Traumberufs oder des idealen Lebensmodells. Es wird der Anspruch gestellt, alles unter einen Hut zu bekommen: Die richtige Erziehung der Kinder, Erfolg im Beruf, ein reiches Familienleben, guter Sex und nicht zuletzt persönlicher Freiraum und das perfekte Zusammenspiel als Paar. Liebe darf heute kaum noch Kompromisse bedeuten und eine Ehe vor allem keine Mühe mehr machen. Diese gnadenlose Anspruchshaltung lässt so viele Ehen an übertriebenen Vorstellungen zerbrechen. Fakt ist, dass mehr Ehen hielten, als es noch andere Gründe für eine Hochzeit gab als Seelenverwandtschaft und aufopfernde Liebe. Die Generation unserer Eltern wusste noch, dass eine lebenslange Fusion durchaus auf gegenseitiger Kompromissbereitschaft aufzubauen war. Die Generation von heute denkt mit Pathos an das Ehe-Gelübde. Werden Erwartungen nicht erfüllt, ist es eben nicht ideal.

Die Braut, die sich traut

Entmutigende Zahlen ändern jedoch wenig an dem tiefsitzenden Wunsch vieler Frauen, vor den Traualtar zu treten. Die Hochzeit an sich, am besten noch wunderschön inszeniert und perfekt organisiert, stellt für viele Frauen immer noch den Inbegriff des privaten Erfolgs dar. Die Ehe gilt für sie immer noch als Sinnbild von Romantik und ein vollkommenes Hochzeitsfest als wohlverdiente Belohnung für die lange, ermüdende Suche nach der großen Liebe. Viele Frauen malen sich schon in ihrer frühen Jugend oder sogar Kindheit ihre spätere Heirat in den schönsten Farben aus. Von der Schönheit des Versprechens der ewigen Liebe sind also beide Geschlechter überzeugt. Während es der Frau jedoch nicht selten um den Akt an sich geht, macht der Mann seinen Wunsch nach einem ewigen Bündnis vollends von der richtigen Partnerin abhängig. 

Was ist das Fazit für die Ehe?

Wer mit dem Gedanken spielt, seine Liebe vor dem Gesetz zu besiegeln, sollte zuerst einmal die rosarote Brille beiseite legen und nachsinnen, ob eine Heirat der gemeinsamen Beziehung noch zusätzlichen Aufschwung verleihen oder vielleicht sogar zur Belastung werden könnte. Der Druck einer Bindung für die Ewigkeit lässt zum Teil ungesunde Ansprüche aneinander gedeihen, die zu Missverständnissen und Frust führen können. Es gab einmal eine Zeit, in der der Satz „in guten wie in schlechten Zeiten“ noch wörtlich genommen wurde. Wahre Liebe sollte Hindernisse überwinden können und daran wachsen. Die Hochzeit selbst mag perfekt arrangiert sein, das wahre Leben jedoch, genau wie die Beziehung, ist allerhöchstens auf Instagram eine ideale Inszenierung. 

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  • Rose

    Rose hat in Berlin Journalismus studiert und erkundete die Medienlandschaft in der Schweiz. Beim Schreiben mag sie es inhaltlich unverblümt und formell detailverliebt. Ihr Blog „A think wink“ ist neben Men's Quality ihr Herzensprojekt.

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