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Meine Liebeserklärung an den Osten

Im Westen haben wir Frankreich! Die ersten Begriffe die mir einfallen: Paris, die Stadt der Liebe, Croissants, herrliches Essen. Der Süden lockt natürlich in Italien mit Pizza, Pasta und Amore, um eine Serie aus dem Trash TV zu zitieren. Auch der Norden lässt mich nicht im Stich – Haben sie auf der Insel doch eine reiche Teekultur, renommierte Universitäten und nicht zuletzt die unvermeidliche Queen.

Diese positiven Aufzählungen ließen sich beliebig weiterführen. Schlagwörter wie Jugendarbeitslosigkeit oder Korruption trüben das Bild nur marginal, das geht vorbei – was bleibt: Intuitiv sind unsere Nachbarländer doch recht positiv besetzt, emotional aufgeladene Bilder, zumeist auch Erinnerungen an den Familienurlaub als Kind prägen unser Bild von genannten Ländern exemplarisch.

Was fehlt jedoch, ist der Osten. Die wenigsten Leute die ich kenne, verbinden mit den Ländern östlich von „Dunkeldeutschland“ auf Anhieb das süße Leben und beeindruckende Kulturen. Je weiter östlich die Landkarte führt, desto negativer die Assoziationen. Dieses bedrohliche

Russland: Putin, Sibirien, Sowjetbauten.

Polen:  Autodiebstahl, Auschwitz, billige Saisonarbeiter – um es mal ganz überspitzt auszudrücken.

Ich durfte meine Vorurteile und die meiner Mitreisenden auf einer fünftägigen Reise in „den Osten“ überprüfen und verlieren.Kundige werden jetzt sagen: „Das kann man so aber nicht verallgemeinern, DEN Osten gibt es doch gar nicht.“Jedoch behaupte ich, aufgrund meiner Erfahrungen aus Polen, Bosnien und der Ukraine, dass es den Osten schon allein durch die lange gemeinsame Epoche unter den Sowjets sehr wohl gibt.

Beginne ich mit Polen, so glaube ich, dass Polen auf dem besten Wege ist, von den Verletzungen der Sowjetzeit zu heilen und sich sowohl von Russland als auch von Deutschland zu emanzipieren. Die Menschen sind stolz auf ihr Land und ihre Kultur, aber sehr offen für neues. Natürlich ist der Einfluss der katholischen Kirche noch deutlich größer als in Deutschland, spürt man als Tourist nicht viel davon. Polen ist sozusagen das Bindeglied zwischen Ost und West und es wäre schade, wenn man von einer Entscheidung für oder gegen etwas sprechen würde – die ist nicht nötig.

Auf einer 8-stündigen Autofahrt mit einem mir bis dahin fremden polnischen Familienvater, der in Deutschland arbeitet, aber jedes Wochenende 12 Stunden zu seiner Familie mit dem Auto fährt, erfuhr ich einiges über die Mentalität und die beeindruckende Lebenskunst der Polen. Zusammengefasst Pragmatismus, Fleiß und gleichzeitig eine tiefe Liebe zur Heimat und die Fähigkeit, immer das beste aus einer Situation zu machen.

Das Gefühl, was ich in Osteuropa jedes Mal im Kontakt mit den Menschen habe, ist auf eine merkwürdige Weise familiär, respektvoll und gleichzeitig sehr herzlich. Bescheidenheit, Gelassenheit und ein starkes Bewusstsein für die Irrungen und Wirrungen der Geschichte zieht sich in meiner Wahrnehmung durch das gesamte öffentliche Leben.

Während die meisten Menschen, ob jung der alt in Deutschland die Kriege nur noch als Datum in den Geschichtsbüchern kennen, und trotz der Fülle an Informationen über den Umstand, dass unser Land Europa ins Verderben stürzte, spürt man diese Vergangenheit höchstens im Museum.

Das ist in Osteuropa anders. Während die Kriegswunden in der westlichen Hälfte Europas bestens versorgt wurden, sehe und spüre ich im Osten, dass die Narben immer noch sichtbar sind und zuweilen auch wehtun. Dennoch befindet sich unweit von Breslau ein Soldatenfriedhof für Deutsche, die im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Polen gefallen sind. Laut Aussage des Direktors kommen scharenweise polnische Schulklassen und Reisende, Besucher aus Deutschland interessieren sich jedoch kaum dafür.

Doch die Gemeinsamkeiten sind überwältigend. Ob in Polen, der Ukraine oder Bosnien – die Menschen sprechen ruhig miteinander (zumindest nüchtern), keiner reißt den Mund beim Sprechen weit auf, die Gesten sind gewählt, das Lächeln echt.  (Es gibt ein Sprichwort, ich weiß nicht woher aber es ist in etwa: „Wer ohne Grund lächelt ist entweder wahnsinnig oder betrunken“), direkter Körperkontakt mit Fremden findet nicht bewusst statt, aufgesetztes Verhalten entfällt.

Der Umgang zwischen Männern und Frauen ist äußerst respektvoll, in den Augen manch einer Feministin rückständig, in meinen jedoch höchst angenehm ( ich würde mich definitiv als Feministin bezeichnen). Es geht dabei um Galanterie und nicht um Unterdrückung. Ein Mann trägt der Dame eine schwere Tasche ohne Aufhebens, ganz selbstverständlich und ohne sich deswegen wie ein Held vorzukommen. Sogar in den öffentlichen Verkehrsmitteln stehen junge Männer für Frauen auf, die noch weit entfernt davon sind, auf diese Geste angewiesen zu sein. Emanzipation und ein schöner Umgang miteinander schließen sich nicht aus.

Auch das leibliche Wohl kommt (zumindest für Carnivore) nicht zu kurz. In großen Städten gibt es Essen aus aller Herren Länder ebenso wie amerikanische Ketten – aber auch die einheimische Küche wärmt nicht nur den Bauch, sondern auch das Herz. Das traditionelle Essen ist deftig, ehrlich und reichlich, dabei jedoch keineswegs unraffiniert – ( Bei teilweise tagelanger Kochzeit kann man der Küche definitiv nicht vorwerfen einfach zu sein). Essen in Polen fühlt sich an wie sonntags bei Oma, in der Ukraine exotisch und trotzdem vertraut, lediglich in Bosnien übertreibt man es meiner Meinung nach dann doch mit der Einfachheit, allerdings hatten die Menschen dort sehr lange ganz andere Sorgen (siehe Balkankriege).

In der nächsten Zeit werde ich meine Reisen einzeln beschreiben, und hoffe, den ein oder anderen für einen Trip jenseits von Prag zu begeistern – Der Osten hat mit uns mehr gemein als die meisten ahnen und es lohnt sich die Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Meine persönliche Hoffnung ist, dass dieser Umstand ins öffentliche Verständnis rückt und Schulklassen vielleicht ausnahmsweise mal nach Osteuropa reisen statt in die Vulkaneifel oder nach Renesse.

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