Sarajevo – ein Stück anderes Europa

Sarajevo

Einmal nach Sarajevo und zurück

Der klassische Städtetrip führt die meisten vor allem nach Barcelona, London oder Amsterdam. Dank Billigfliegern kommen dann irgendwann auch mal „exotischere“ Ziele hinzu – Sarajevo zum Beispiel.

Eine Stadt die Geschichte schrieb

In meinem Fall kam ich jedoch nicht mit dem Flugzeug her. Nein, wir besuchten die Stadt im Zuge des Kroatiensommerurlaubs. Nach sechs Tagen im schönen Split saß ich also acht Stunden in einem bequemen Reisebus (für unter 500km). Diese Dauer kommt zustande, wenn die Strecke erst durch die schöne bosnische Landschaft (Wiesen, Wälder) führt, es dabei jedoch stetig bergauf und bergab geht. 

Es ist unmöglich über Sarajevo zu schreiben ohne mehr als nur kurz auf die jüngere Geschichte dieser Stadt einzugehen.

Die „Brücke des 21. Jahrhunderts“ beispielsweise, auf der Österreichs Thronfolger und seine Frau ermordet wurden – und so der 1. Weltkrieg offiziell ausgerufen wurde.

Die jüngere Geschichte ist jedoch ebenfalls eine tragische. Während wir 90er Kinder auf dem Kinderspielplatz saßen und das schlimmste was uns passieren konnte ein elterliches „Nein“ war, spielten die Kinder Sarajevos in den Trümmern ihrer Stadt verstecken.

Sarajevo liegt in einem Gebirgskessel, was der knapp 300 000 Einwohner-Stadt im Bosnienkrieg sowohl zum Fluch als auch zum Segen gereichte. 1425 Tage lang, von 1992-1996 konnte das Leben jederzeit von Bomben oder Scharfschützen gewaltsam beendet werden, Nahrungsmittel, Strom und Wasser waren keine Selbstverständlichkeit mehr und keiner wusste wie lange der Zustand anhalten sollte. 

„The siege of Sarajevo“

Nicht das ein falscher Eindruck entsteht: Die Innenstadt ist weitgehend intakt und der türkische Basar (Baščaršija), mit seinem nahezu unaussprechlichen Namen wunderschön – aber bei der Einfahrt nach Sarajevo und Ankunft am Busbahnhof kann man den Schrecken immer noch sehen. Die Wohnhochhäuser sozialistischer Bauart haben immer noch riesige Bombeneinschusslöcher, viele Gebäude sind noch immer Ruinen, das Geld fehlt, vielleicht der Wille – das Bild ist gespenstisch und unterscheidet sich doch sehr drastisch von dem, was wir sonst so in Europa zu sehen kriegen. Ein richtiger Krieg, bei dem meine Altersgenossen tatsächlich jeden Tag um ihr Leben und das Ihrer Angehörigen fürchten mussten. Mitten in Europa. Aber in unseren Schulbüchern erfahren wir davon so gut wie nichts.

Preise wie zu D-Mark Zeiten

Aber genug erst Mal von der Geschichte. Der österreichische Einfluss ist hier genauso spürbar wie der osmanische, also türkische. So gibt es unglaublich guten Cafe, immer aus der guten Maschine für umgerechnet maximal 1,50€. Ich glaube, ich hab nie besseren Cappuccino getrunken als in Sarajevo, nie freundlicher serviert. Ja richtig gelesen, umgerechnet. In Bosnien zahlt man mit der „Konvertiblen Mark“. Das entspricht etwa den alten D-Mark Preisen, was den Aufenthalt hier sehr angenehm macht.

Flair aus 1001 Nacht mitten in Europa

Die Leute erscheinen sehr freundlich, offen aber nie aufdringlich. Nicht mal auf dem Basar (ein richtiger Basar, nicht nur für Touristen) wird man direkt angesprochen, was ich sehr angenehm fand. Ich bin dem Zauber sofort erlegen, es fühlt sich an wie in einer anderen Welt, mitten in einer eigentlich modernen Stadt. Überall gibt es Kebab und Cevapcici, überall trinken die Leute Tee, bosnischen Kaffee (ähnlich wie türkischer Mokka) und rauchen Wasserpfeife. Der muslimische Einfluss ist hier besonders deutlich sichtbar, diverse Golfstaaten finanzieren in der ganzen Stadt Moscheen und Bibliotheken. Anders als in diversen deutschen (Groß)Städten, scheint hier jedoch das Motto „Leben und leben lassen“ zu gelten, das Nebeneinander verschiedener Kulturen ist hier schon seit Jahrhunderten Realität.

Luft nach oben im kulinarischen Sinne

Leider konnte mich das kulinarische Angebot nicht überzeugen. Süßspeisen, italienische wie türkische schmecken hier großartig und sind enorm günstig, aber Cevapcici und andere Hackfleischvariationen sind für mich dann ein wenig zu eintönig. Es soll aber einige andere bosnische Spezialitäten geben, die ich leider nicht probiert habe, wie einen sehr deftigen Eintopf.

Was man in Sarajevo unbedingt tun sollte

Der Basar ist auf jeden Fall Pflicht, unbedingt bosnischen Kaffee trinken, süße türkische Süßigkeiten essen und eine Shisha rauchen. Wenn mehr als nur 2,5 Tage (Wie in meinem Fall) Zeit sind, sollen die „Pyramiden von Visoko“ ein Highlight sein, riesige Hügel in der Nähe der Stadt, die gerüchteweise in Wahrheit Pyramiden sein sollen, die älter sind als die ägyptischen. Ob wahr oder nicht, ich würde mir das nicht entgehen lassen! Außerdem versteht man die melancholische Stimmung der Stadt erst richtig, wenn man die Ausstellung über die Belagerung von Sarajevo und den Massenmord von Srebrenica besucht hat.

Die Ausstellung ist jeden Cent Wert und die Museumsführer haben die Geschichte nicht nur gelesen, sondern erlebt. Die Führung hat uns allen die Tränen in die Augen getrieben, ebenso der gezeigte Dokumentarfilm „Miss Sarajevo“, der aus Originalaufnahmen im besetzten (und bekriegten) Sarajevo besteht und alle Besucher sprachlos gemacht hat. Am Ende der Ausstellung versteht man den T-Shirt Schriftzug „United Nothing“, erhältlich im Museumsshop und betrachtet sein vermutlich bisher sehr friedlich verlaufenes Leben mit neuen Augen. Selten hat eine Ausstellung mir so eindringlich den Schrecken einer Zeit vermittelt.

Fazit:

Ich würde Sarajevo jedem empfehlen, der mehr sehen will als glanzvolle Fassaden, Luxusboutiquen und Schickeria – jeder der sich auch nur ein bisschen für neuere Geschichte interessiert wird hier „fündig“. Ich habe mich insbesondere in die Baščaršija  verliebt und will mir definitiv noch mehr in diesem Teil Europas ansehen. Mit dem Bus über Land hat alleine schon die Anreise Abenteuerqualität!

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  • Julia von Pidoll

    Die Kölnerin (Baujahr 91) ist ein weibliches Gewissen von Men's Quality und versorgt euch mit Insidertips aus der Damenwelt a la "Deutsch Frau - Frau Deutsch".

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